Vietnam ist auf dem Sprung ins 21. Jahrhundert. Moos und Patina bedecken jahrtausendealte Kulturdenkmäler - doch auf den Straßen in Saigon und Hanoi tobt das moderne Leben, und Besucher reiben sich verwundert die Augen. Ein Land zwischen Vergangenheit und Aufbruch, jenseits der Klischees aus Vietnamkrieg, Opiumpfeifen und Schlangenschnaps. Artenreiche Nationalparks und Naturschätze bezaubern die Reisenden, ob in der Ha-Long-Bucht im Norden oder in der Wasserwelt des Mekongdeltas. Dazwischen warten 3200 km Küste mit Inseln, Badestränden und Hideaways auf Erkundung.
Über dem Fluss hängen noch, kleinen Wattebällen gleich, ein paar Dunstschwaden, und die Sonne scheint schwer aus ihrem kuscheligen Wolkenbett zu kommen. Doch Miss Saigon ist schon putzmunter. In der Prachtstraße Dong Khoi, vor der Kathedrale Notre Dame, an den Ampeln beim Rex Hotel röhren, quäken, hupen und hüsteln Zweitakter ihr rostiges Morgenlied.
Mofas, überall Mofas - das ist der erste Eindruck von diesem Land. Mal sind es nur drei oder vier Exemplare, mal ganze Bienenschwärme. Bepackt mit Kartons voller Colaflaschen und „Tiger"-Bier aus Singapur, mit prall gefüllten Einkaufstaschen, mit Hühnerkäfigen, mit zwei, drei Kindern, mit Alten, die Betelnüsse kauen, mit Frauen, deren seidige Ao-Dai-Gewänder im Wind flattern und die zum Schutz vor Sonne und Schmutz weiße Handschuhe tragen. Und mit Bäuerinnen, deren Strohhüte an Papierschirmchen in Eisbechern erinnern, aber vor allem typisch sind für dieses wundervolle Land: Vietnam.
Wie schön, dass es hier keinen Massentourismus wie anderswo in Südostasien gibt, denn genau dies macht den Zauber des Landes zwischen dem Roten Fluss (Song Hong) im Norden und dem Mekongdelta im Süden aus: Hier wird nichts für Besucher inszeniert oder geschönt. Hinter jedem windschiefen Häuschen mit Blechdach, auf den schwimmenden Märkten im Mekonggebiet, auf den Bauernmärkten von Hue oder Da Nang lassen sich authentische Eindrücke einfangen wie bunte Schmetterlinge....
Hier können die Reisenden nach Lust und Laune Entdeckungen machen: den kleinen, verwunschenen Tempel um die Ecke, aus dem Räucherwerk duftet, den quirligen Obstmarkt mit Rambutan- und Melonenverkäuferinnen, Fleischhändlern und Chinesen, die mit lebhaften Gesten Stoffe oder Blechgeschirr anpreisen, den idyllischen Mini-Naturstrand ohne Liegestühle oder Sonnenschirme, das chaotische Gewusel auf den manchmal arg lädierten Straßen.
Und dann ist da diese freundlich-schelmische Neugier der Menschen: Wo sich ein tay bewegt, ein Westler, gibt es stets etwas zu erleben! Oder zu lachen. Natürlich kann man dem tay auch gut etwas verkaufen, was nicht wenige Reisende als aufdringlich empfinden. Wer jedoch nicht auf das Verkaufsanliegen reagiert, bei dem verlieren die fliegenden Händler meist schnell das Interesse. Die Kinder probieren ihr Englisch aus und rufen „I love you" oder „Hello mister". In größeren Orten gibt man sich freilich sehr höflich, als Meister im Wahren der Form. Respekt vor dem anderen ist eine Tugend, eine Art asiatisches Grundgesetz, das hier in besonderer Weise gilt.
Denn schließlich wachsen Vietnamesen in der Enge auf. Oft leben bis zu drei Generationen in einem einzigen Raum, das können dann bis zu sieben, acht Personen sein. Eine Wohnung, ein Häuschen? Bei den bescheidenen Löhnen undenkbar: Ein Wanderarbeiter verdient etwa 30000 bis 45000 Dong, also umgerechnet knapp 2 Euro pro Tag, eine Fabrikarbeiterin bringt es auf 4 bis 6 Euro am Tag, wenn sie bereit ist, bis zu 14 Stunden lang Nudelteig zu rühren, Formen zu pressen oder Schrauben zu sortieren. Der Wohnraum in Saigon ist unbezahlbar geworden, die wenigen freien Grundstücke, Häuser und Wohnungen wechseln für viele Hunderttausend Euro sehr schnell den Besitzer. Der Traum vom Bauen, den viele Vietnamesen hegen, bleibt zumindest in den Städten unerfüllbar. Dafür schwelgt die ganze Nation im Lottofieber, schließlich sind über zwei Drittel der rund 84 Mio. Vietnamesen unter 30 Jahre alt - da...
darf man noch Träume haben.
Doi Moi, die 1986 eingeleitete wirtschaftliche Reformpolitik der kommunistischen Regierung in Hanoi, weckt Hoffnungen in den Menschen. Überall sieht man im Fernsehen die Bilder von pompösen Modenschauen und Misswahlen mit viel Glitter, Karaoke und Kitsch, und Herr und Frau Nguyen wollen wenigstens ein bisschen dabei sein. Doch weil der Lohn für Luxus nicht reicht, versüßen sie sich die aufgezwungene Bescheidenheit wenigstens mit Eiscreme, dem neuesten Schrei der kleinen Leute.
Die Gegensätze sind, vor allem im Süden, größer denn je geworden. Hier eine kleine städtische Oberschicht, die bereit ist, 20000 US-Dollar für die Jahresmitgliedschaft im Ocean Dunes Golf Club in Phan Thiet hinzublättern, dort jene rund 20 Prozent Arbeitslosen, vor allem auf dem Land, die sich mühsam mit dem Verkauf von Postkarten oder Lotterielosen über Wasser halten - und das in einem sozialistischen Land. Doch die Hoffnung auf ein klein bisschen Wohlstand ist größer als jeder Gegensatz. Schließlich hat man auch den Krieg überstanden und die Jahrhundertfluten am Mekong Ende des Jahres 2000. Und wenn schon die Machthaber in Hanoi einen veritablen US-Präsidenten namens Bill Clinton dieses prachtvolle Land bereisen ließen, warum sollte da Herr Nguyen nicht einige Stühle und einen Wok borgen dürfen, um ein kleines Straßenrestaurant zu eröffnen?
Bezaubernd ist die landschaftliche Schönheit Vietnams, das im Süden in die Tropenzone mit feuchten, schwülen Sommern und warmen Wintern hineinragt, im Norden dagegen subtropisch bestimmt ist, also mit heißen Sommern und kühleren, feuchten Wintern. Überwältigend sind die Ha-Long-Bucht mit ihren aufragenden Kalkfelsen und dem dunkel schimmernden Wasser und die atemberaubend schroffen „Vietnamesischen Alpen" im Nordwesten, die in kalten Wintern sogar von Schnee bedeckt sind. Die alte Kaiserstadt Hue am Parfümfluss beeindruckt mit ihrer „Halle der höchsten Harmonie" im alten Kaiserpalast und den Kaisergräbern. Bei Phan...
Thiet knirscht der weiche Sand am Mui-Ne-Strand unter den Füßen, Saigon wirkt wie frisch aufpoliert mit seinen renovierten Kolonialbauten, und im Mekongdelta wird der scheppernde Klang der Longtailboote zur allgegenwärtigen Musik. Garniert wird das Erlebnis jeden Tag mit Köstlichkeiten der vietnamesischen Küche und einem oft erstaunlich perfekten Urlaubsprogramm aus Baden, Tauchen, Surfen, Segeln oder Wandern durch einen der rund 25 Nationalparks des Landes. Ob Sie, kopfüber von den Felsen hängend, in der phantastischen Ha-Long-Bucht den Trendsport Rockclimbing ausprobieren oder im Saigoner Morgengrauen das zeitlupenhafte Tai-Chi, ob Sie sich im Weihrauchnebel einer Pagode verirren oder mit dem Rad im chaotischen Verkehrsgetümmel Hanois: So kommen Sie irgendwann den Vietnamesen, ihren geheimnisvollen Drachen und Geistern näher. Keine Frage - eine Vietnamreise ist ein Abenteuer für alle Sinne.
8.-4. Jh. v. Chr.
Die Viet wandern aus Südchina ein
3. Jh. v. Chr.
Das Reich Au Lac formt sich im Delta des Roten Flusses zur Abwehr der Chinesen
111 v. Chr.-930
Nordvietnam wird von den Chinesen beherrscht. Im Süden entsteht ab dem 7. Jh. das Reich der Cham
938
General Ngo Quyen erringt die Unabhängigkeit Vietnams
1009
Erste stabile Dynastie unter Ly Thai To. Thang Long (Hanoi) wird Hauptstadt
15.-17. Jh.
Erste europäische Handelsstützpunkte im Süden
1771-1802
Tay-Son-Aufstand. Hue wird Sitz der Nguyen-Kaiser (bis 1945)
1858
Französische Kolonien und Protektorate in Cochinchina (Süden)
1954
Teilung Vietnams, im Süden Militärherrschaft
1964
Beginn des Vietnamkriegs, den die Kommunisten 1975 gewinnen
1976
Gründung der Sozialistischen Republik Vietnam (2. Juli)
2000
Handelsvertrag mit den USA. US-Präsident Bill Clinton besucht Vietnam. Schwere Überschwemmungen im Mekongdelta
2003
Die Lungenkrankheit Sars und die Vogelgrippe fordern Dutzende Menschenleben
2005
Eröffnung des 6,3 km langen Hai-Van-Tunnels zwischen Da Nang und Hue
2006
US-Präsident Bush zu Besuch beim APEC-Gipfel in Hanoi
2007
Vietnam wird Mitglied der Welthandelsorganisation WTO
www.cms.vietnam-infothek.de
Sehr engagierte private Website von zwei Landesliebhabern - mit Leserbeteiligung, Forum, aktuellen Reiseinfos, privaten Reiseberichten, Veranstaltungsterminen, Büchertheke und schier endlosem Pressespiegel.
http://vietnamesegod.blogspot.com
Ein junger Vietnamese aus Nha Trang berichtet über seine Reiseerlebnisse in ganz Vietnam. Rezepte, Fotos, Adressen, Tipps. Interessanter Blick auf das moderne Vietnam.
www.forum-vietnam.de
Aktuelles Forum mit Erfahrungsaustausch zu vielen Themen, auch touristischen Hinweisen und Erlebnissen.
http://ngcblog.nationalgeographic.com/ngcblog/2008/02/exclusive_vietnam_veterans_tel.html
Veteranen des Vietnamkriegs erinnern sich.
www.podfeed.net/podcast/Survival+Phrases+-+Vietnamese/11755
Vietnamesisch richtig aussprechen!
www.podcast.eastmanhouse.org/ghosts-in-the-landscape-vietnam-revisited
Ausstellungsrundgang im George Eastman House (New York). Der Fotograf Craig J. Barber war als US-Marine im Vietnamkrieg und hat das Land ab 1995 wieder besucht.
www.schaetze-der-welt.de/denkmal.php?id=196
Videos und „Interaktives Bilderbuch".
Das schwarze Pulver von Meister Hou
Ein neuer Kriminalroman der Schwestern Tran-Nhut: Mandarin Tan muss geisterhafte Fälle lösen - eine spannende Zeitreise ins 17. Jh.
Sonntagsmenü
In ironisch-kritischen Geschichten aus der Sicht einer jungen Vietnamesin erzählt die Literaturpreisträgerin Pham Thi Hoai vom Alltag in Hanoi.
Das Mädchen hinter dem Foto
Spannende Beschreibung des Lebens der napalmverbrannten Kim Phuc, des Kriegs und der schweren Zeit danach. Denise Chong schildert die Obszönität der Arbeit von Kriegsreportern - und ihre Notwendigkeit.
Der Liebhaber
Roman der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras, die im damaligen Indochina geboren wurde. Verfilmt von Jean-Jacques Annaud als Erotikstory einer 15-jährigen Französin und eines älteren, reichen Vietnamesen.
Der stille Amerikaner
Jüngste Verfilmung des Literaturklassikers von Graham Greene (mit Michael Caine, Regie: Phillip Noyce). Während des Indochinakriegs konkurriert der britische Korrespondent Thomas Fowler mit einem mysteriösen Amerikaner um seine schöne Geliebte Phuong. Teils in Hoi An gedreht.
Good morning Vietnam
Eine Komödie über den Vietnamkrieg? Der Film stellt die Absurdität des Kriegs dar. In der Hauptrolle: Robin Williams als DJ bei einem amerikanischen Militärsender in Saigon; Regisseur: Barry Levinson.
Apocalypse Now
Oskargekröntes Meisterwerk über den Vietnamkrieg, gedreht auf den Philippinen und bis dahin teuerster Film (Regie: Francis Ford Coppola). Unvergessen: Marlon Brando als durchgeknallter Colonel Kurtz und selbst ernannter Dschungelherrscher.
© Verlag Marco Polo