Verträumte Buchten, hinter Felsen versteckt und von Pinien, Zypressen und Olivenbäumen umsäumt, prägen den Küstenstreifen Montenegros. Kahle Berge ragen in den Himmel gleich dahinter, und nur eine Passstraße weiter liegt der Süßwassersee Skutari. Atemberaubend ist die Welt der Canyons im Norden des Landes, schneebedeckte Bergspitzen spiegeln sich in winzigen Bergseen. Adria und Skutarisee, hohe Berge und tiefe Schluchten, orthodoxe Klöster im Innern des Landes, europäische Baukunst an der Küste: Selten kann man auf einer so kleinen Fläche so viel sehen und erleben.
So nah und doch so fern: Nicht einmal zwei Stunden Flugzeit von Berlin, Wien oder Zürich entfernt, liegt der Staat Montenegro. Noch unbekannt ist das Land der Schwarzen Berge, das Land der Helden und Piraten, die im Mitelalter die Türken aus den Bergen vertrieben und venezianische Schiffe überfallen haben. Keine 300 km ist der montenegrinische Küstenstreifen lang, insgesamt 70 km Strand stehen den Badehungrigen zur Verfügung. Die andere Hälfte Montenegros gehört den Bergen, die über 1000 m über dem Meeresspiegel liegen.
Reißende Flüsse winden sich durch die tiefen Schluchten des Durmitor- und Bjelasica-Gebirges. Auf einem der unzähligen Bergmassive, dem Lovćen, haben die Montenegriner ihren berühmtesten Dichter, Petar II. Petrović Njegoš, begraben - vom Wahrzeichen des Landes reicht der Blick nach Bosnien, Kroatien, Albanien und an klaren Tagen über die Adria bis nach Italien.
Gerade einmal 176 km beträgt die Entfernung zwischen dem westlichsten und dem östlichsten Punkt Montenegros, nur 200 km liegen zwischen Nord- und Südspitze; aber die haben es in sich: Nach dem Grand Canyon ist die Taraschlucht im Nordwesten die tiefste der Welt; einer der letzten drei Urwälder Europas, Biogradska Gora, liegt im Hochland verborgen. Am Skutarisee nisten so viele Vögel wie an keinem anderen See Europas, und zwischen Herceg Novi und Kotor schmiegt sich der einzige Fjord des Mittelmeers an die fast senkrecht...
aufsteigenden Bergwände. Und nirgendwo sonst an der Ostadria gibt es so schöne Sandstrände wie zwischen Bar und Ulcinj. Ein Spaziergang durch die Blumenstadt Herceg Novi, das Seefahrerstädtchen Perast oder die verträumte Hotelinsel Sveti Stefan versetzt Sie in Glanzzeiten europäischer Baukunst. Die autofreie Altstadt von Kotor mit ihrem Architekturmix aus venezianischen Barockbauten und österreichisch-ungarischen Bürgerhäusern wurde von der Unesco 1979 zum kulturellen Welterbe erklärt.
Voller Leidenschaft verteidigen die Bewohner den Vielvölkergeist, der hier auch nach dem Zerfall von Josip Broz Titos sozialistischem Jugoslawien weiterlebt. Kroaten, Serben, Albaner, Roma und Muslime wohnen seit Jahrhunderten auf engstem Raum zusammen - Toleranzkapital, das die kleine Republik bei der von Regierung wie Opposition gleichermaßen angestrebten Aufnahme in die EU einbringen will. Denn dass ihr Land tief in Europa wurzelt, daran lassen die Montenegriner keinen Zweifel: Wohin man kommt, Spuren der reichen Historie des kleinen Landes. In Cetinje etwa wecken alte Botschaftsgebäude Erinnerungen an die Zeit, als die Töchter Nikolas I. in die europäischen Höfe einheirateten und der wendige Diplomat so zum „Schwiegervater Europas" avancierte - bei neun Töchtern wahrlich ein angemessener Titel.
Schon zuvor hatten die Adelshäuser von Venedig bis Petersburg montenegrinische Maler und Kapitäne um ihre Dienste gebeten. Und die europäischen Wurzeln reichen noch weiter: Griechen, Illyrer und Römer siedelten auf dem Gebiet südlich von Dubrovnik, ehe das Römische Reich sein Territorium Ende des 4. Jhs. aufteilte. Danach verlief die Grenze zwischen West- und Ostrom direkt unterhalb der Bucht von Kotor, was für die Adria-Anrainer nicht ohne Folgen blieb: Bis heute wohnen die wenigen Katholiken (1 Prozent der Bevölkerung) im Dreiländereck mit Bosnien und Kroatien; an der Küste südlich von Tivat und im Hochland dominiert die serbisch-orthodoxe Kirche (71 Prozent). Die Nachfahren der...
unter den Osmanen zum Islam übergetretenen Montenegriner (15 Prozent) siedeln in der Umgebung von Ulcinj, im Hochland um Plav und im Sandžak an der Grenze zu Serbien.
Lange musste Montenegro warten, um wieder ein unabhängiger Staat zu werden. Der Berliner Kongress erkannte 1878 das Königreich Montenegro als souveränen Staat an. Crna Gora blieb bis 1918 unabhängig, doch die proserbischen Kräfte siegten, als das erste Königreich der Slowenen, Kroaten und Serben ausgerufen wurde. Auch 1945, als Tito die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien ins Leben rief, war Montenegro dabei. Wirtschaftlich aber rangierte das Land immer am unteren Ende der sechs jugoslawischen Republiken. Viele verließen das Land und gingen auf Arbeitssuche nach Europa oder in die USA. Erst in den 1960er-Jahren wurde Montenegro als Touristenland entdeckt. Von da an ging es aufwärts. Jeder, der ein Bett frei hatte, vermietete es an Touristen; überall entstanden Hotelanlagen mit „betörendem sozialistischen Charme". Sveti Stefan, das in Stein gehauene Fischerinselchen, wurde zur exklusiven Oase für Prominente wie Sophia Loren, Claudia Schiffer oder Michael Douglas.
Der Aufschwung währte jedoch nicht lange. Die Jugoslawienkriege während der 1990er-Jahre legten die gesamte Wirtschaft lahm. Zu Kampfhandlungen im Land selbst kam es nicht, doch bombardierten die montenegrinischen Einheiten der jugoslawischen Armee die kroatische Stadt Dubrovnik. Auch sonst litt Montenegro an der allgemein unsicheren politischen Lage auf dem Balkan: Das beliebte Reiseziel der Europäer war nicht mehr gefragt. Hotels und Pensionen verrotteten, neue Armut brach über das Land hinein, das auf den Tourismus angewiesen war. Vor allem junge Akademiker wanderten aus, um im Ausland Arbeit zu finden.
Der Staatenbund mit Serbien erschienen vielen als Hindernis auf dem Wege zur EU. Milo Đukanović, der junge Premier, tat alles, um sich von Serbien abzusetzen: 2002 führte er den Euro als Währung ein, erstellte Grenzen...
innerhalb des Staats Serbien-Montenegro. 2006 beschlossen die Montenegriner per Volksentscheid die Trennung von Serbien: Ein neuer europäischer Staat war geboren. Trotzdem scheint der Weg in die EU noch immer nicht geebnet zu sein. Ob Montenegro in einem „Balkan-Paket" in die Europäische Union aufgenommen wird oder ob das Land früher als seine Nachbarn die Mitgliedschaft bekommt, das werden die kommenden Jahre zeigen.
Doch auch ohne EU-Mitgliedschaft ist Montenegro im 21. Jh. angekommen: Ein „Monaco des Ostens" soll das Land werden, ausländische Investoren bauen um die Wette, Luxushotels, Spa und Wellness sind Begriffe der neuen Zeit im Balkanland. Noch gibt es unberührte Landschaften, wie man sie selten in Europa findet, eine Entdeckungsreise lohnt. Und: Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der 620000 Montenegriner ist sprichwörtlich.
Um 1200 v. Chr.
Illyrer besiedeln die Gebiete rund um den Skutarisee
2. Jh. v. Chr.
Das Römische Reich drängt die illyrischen Stämme zurück
7. Jh. n. Chr.
Slawen dringen in die als Duklja bezeichnete römische Provinz ein. Unter byzantinischer Herrschaft bildet sich das montenegrinische Fürstentum Zeta heraus
15.-18. Jh.
Herrschaft Venedigs über die Küstenstädte Kotor, Ulcinj, Budva und Bar
1815-1918
Das Habsburger Reich kontrolliert Teile des Küstenstreifens
1878
Auf dem Berliner Kongress wird Montenegro als souveräner, unabhängiger Staat anerkannt
1918
Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg endet auch die Unabhängigkeit. Montenegro wird dem neuen Königreich Sloweniens, Kroatiens und Serbiens eingegliedert
Zweiter Weltkrieg
1941 beginnt die Okkupation Montenegros durch italienische Truppen. Unter der Führung von Milovan Đjilas schließen sich die montenegrinischen Partisanen Titos Aufstand gegen die Besatzungsmächte an. 1944 wird Montenegro befreit
1992
Nach Beginn der Balkankriege und der Abspaltung Kroatiens, Sloweniens, Bosniens und Mazedoniens wird die Bundesrepublik Jugoslawien ausgerufen, bestehend aus Serbien und Montenegro
2006
Unabhängigkeit: Montenegro tritt aus dem Staatenbund Serbien-Montenegro aus
2009
Neuwahlen am 29. März
Der junge Premier
Gleich zwei Rekorde hält Montenegros Ministerpräsident Milo Đukanović, die ihm so schnell keiner streitig machen dürfte: An seinem 29. Geburtstag trat er 1991 den Posten als Premier an - so jung wie damals kein anderer Regierungschef in Europa. Und im Südosten des Kontinents gibt es niemanden, der sich ähnlich lange an der Macht hält wie der studierte Volkswirt. Zu Beginn seiner Politkarriere stand Đukanović stramm an der Seite von Serbiens nationalistischem Präsidenten Slobodan Milošević und unterstützte dessen Kriegspolitik in Kroatien und Bosnien. Erst 1997 vollzog er den Bruch mit dem politischen Ziehvater und wandte sich dem Westen zu. Seitdem setzt er auf eine langsame Abspaltung Montenegros von Serbien, die sich bislang vor allem wirtschafts- und währungspolitisch niederschlägt. Seinen großen Traum, das Land in die Unabhängigkeit zu führen, konnte er 2006 verwirklichen.
Handeln statt reden
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Privatisierung heißt das Zauberwort in Montenegro
Staatliche Unternehmen werden an Russen, Iren, Ungarn und Israelis verkauft, die oft alles abreißen und Hotels, Marinas, Wellnessanlagen bauen. Jugooceanija, das Seehandelsunternehmen, das einst prächtige Schiffe bauen ließ, ist genauso dabei wie das weltbekannte Reha-Zentrum in Igalo. Makleragenturen zieren alle paar Meter die Gassen der Altstädte an der Küste. Grund und Boden, Villen und ganze Hotelanlagen sind im Angebot. Auch viele Olivenbauern haben mittlerweile ihre Grundstücke verkauft. Der Küstenstreifen ist schon leergekauft, jetzt sind die Bergregionen an der Reihe: zu Preisen, die ähnlich hoch sind wie in Hamburg oder London.
Zwischen Bar und Ulcinj wird Öl gepresst
Mehr als 100000 Olivenbäume, einige über 1000 Jahre alt, wachsen allein an den Hängen und Hügeln rund um Bar. Das berühmte kaltgepresste Öl von Ulcinj wird bis heute nach alter Tradition gewonnen: Riesige, zylinderförmige Steinmühlen zermahlen die Früchte, bis alle Bitterkeit aus ihnen herausgedrückt ist. Danach lagert das Öl für einige Wochen in wechselnden Wasserbecken, wobei immer wieder Knoblauch hinzugefügt wird. Frisch serviert, so heißt es hier nicht anders als in Tunesien oder an der Côte d'Azur, sei bei regelmäßigem Genuss ein langes Leben garantiert.
www.travelblog.org/Europe/Montenegro
Wer fließend Russisch, Serbisch, gar Montenegrinisch spricht, wird eher fündig. In Deutsch oder Englisch gibt es kaum Blogs, geschweige denn Podcasts. Hilfreich ist der englische Reiseblog.
http://balkanblog.org oder http://balkanblick.wordpress.com
bieten allgemeine Infos über die Balkanregion. Es bleiben die deutschen Onlineausgaben der großen Zeitungen (FAZ, SZ, NZZ) und Magazine (Zeit, Stern, Spiegel), die sporadisch über Montenegro berichten.
www.youtube.com
Einzig Youtube glänzt mit vielen musikalischen und satirischen Beiträgen, diese finden Sie, wenn Sie unter „search" nach Montenegro suchen, und zwar in vielen Sprachen.
Für den Inhalt der Blogs & Podcasts übernimmt die MARCO POLO Redaktion keine Verantwortung.
Im Frühjahr fließt die Bojana flussaufwärts
Weil ihr großer Zufluss Drim am Ende des Winters von der Schneeschmelze in den albanischen Bergen mächtig anschwillt, schafft es die Bojana nicht mehr, ihre Richtung zu halten: Statt vom Skutarisee in die Adria fließt der montenegrinisch-albanische Grenzfluss nun flussaufwärts. Den Fischern, die im Delta der Bojana ihre hoch gespannten Netztrapeze über dem Wasser hängen haben, kann es nur recht sein: Fette Fänge sind garantiert.
In den Ateliers des Balkans
Inspiriert vom Fall der Berliner Mauer und der damit verbundenen Aufbruchsstimmung machte Prinz Nikola Petrović Njegoš 1991 Ernst: Um den kulturellen Austausch zwischen Ost- und Westeuropa zu befördern, gründete der Nachfahre von König Nikola I., der heute als Architekt in Paris arbeitet, die Cetinje-Biennale. Anderthalb Jahrzehnte später ist daraus eine feste Institution geworden, die alle zwei Jahre (gerade Jahreszahlen) junge und etablierte Künstler aus allen Teilen des früheren Jugoslawiens zusammenbringt.
Enzyklopädie der Toten
Danilo Kiš (1935-89) wird zu den bedeutendsten Literaten des Balkans gezählt. Seine Parabeln über Leben, Liebe und Tod haben ihn berühmt gemacht. Die meisten seiner Bücher gibt es auch auf Deutsch.
Die Brücke über die Drina
Für die Geschichte der steinernen Brücke, die in der Türkenzeit über den Fluss Drina gebaut wurde, hat Ivo Andrić (1892-1975) 1961 den Nobelpreis nach Jugoslawien getragen. Seinen Lebensabend verbrachte Andrić in Herceg Novi.
Winnetou besuchen in Trebinje
Die montenegrinischen Regisseure haben bisher in Belgrad oder Zagreb gearbeitet, eine heimische Filmindustrie ist im Aufbau. Wer Karl-May-Filme mag, kann die Originalkulissen in Trebinje, Popovo polje, besuchen. Die meisten von ihnen wurden im ehemaligen Jugoslawien gedreht. In der Nähe von Trebinje (Serbien), auf halbem Weg zwischen Dubrovnik und Herceg Novi, kann man die verfallenen Kulissen besuchen, in denen Winnetou und Old Shatterhand ihre Abenteuer erlebt haben.
Orthodoxe gegen Orthodoxe
Überall im Norden Montenegros stehen Kirchen, Klöster und Kapellen, viele von ihnen mit prächtigen Fresken und Ikonen verziert. Drei von vier Montenegriner sind christlich-orthodoxen Glaubens - jener nach Teilung des Römisches Reichs vom Patriarchen in Konstantinopel beförderten Auslegung des Christentums, die durch das Schisma zwischen Byzanz und Rom 1054 endgültig besiegelt wurde. Die montenegrinisch-orthodoxe Kirche hat ihre Eigenständigkeit 1918 verloren, als Montenegro ein Teil Jugoslawiens wurde. Während der Tito-Zeit hatten die Kirchen eh nicht viel zu melden. 1993 erlang die montenegrinisch-orthodoxe Kirche Eigenständigkeit und kämpft seit dieser Zeit gegen die serbisch-orthodoxen Brüder in Belgrad. Seit der Unabhängigkeit von Montenegro im Jahr 2006 besteht die montenegrinische Kirche auf ihrer Eigenständigkeit, obwohl der Streit mit der serbischorthodoxen Kirche noch immer nicht beigelegt ist.
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