Rumänien gilt als Land der Schauergeschichten, erfundener und wahrer. Doch Dracula und Ceauceşcu sind Vergangenheit. Das neue EU-Land darf endlich mit seinen Pfunden wuchern - mit dem lieblichen Siebenbürgen und seiner mittelalterlichen Kultur, mit den farbenprächtigen Klöstern der melancholischen Moldau und mit der grandiosen Natur der Karpaten und des Donaudeltas. Sicher, die touristische Infrastruktur ist noch lückenhaft, doch gerade die unverfälschte Ursprünglichkeit macht Rumäniens Reiz aus. Touristen werden hier kaum erwartet, Gäste hingegen immer.
Ein Telefonat mit der rumänischen Zugauskunft. Ich möchte wissen, wann Züge von Temeswar nach Arad fahren, zwei Städte im Westen Rumäniens, eine Strecke von 50 km. Die Dame am Telefon nennt drei Züge. Nun möchte ich aber auch die Abfahrtstermine für die Rückreise haben. „Warum wollen Sie das denn wissen?" wundert sich die Frau. Da hilft nur eines: Ich erzähle der anonymen Angestellten der staatlichen rumänischen Eisenbahn schlicht und einfach, weshalb ich nach Arad fahren will. Nach diesem Outing öffnet auch die Beamtin ihre Seele und gibt mir die Abfahrtszeiten und weitere Tipps für den Aufenthalt mit auf den Weg.
So ist das Leben in Rumänien. Institutionen fangen jetzt erst an, sich als Gebilde im Dienst des Bürgers zu begreifen - doch der persönliche Kontakt rettet im Prinzip alles. „Ein trauriges Land voller Humor": Der Satz eines rumänischen Schriftstellers wurde zum geflügelten Wort, das die mit Selbstironie gesegneten Rumänen immer wieder gern zitieren.
Das neue EU-Land Rumänien mit seinen rund 21,6 Mio. Einwohnern liegt dort, wo die Vorstellungswelt des Westbürgers über das, was zu Europa gehören könnte, aufhört. Eingekeilt zwischen Bulgarien und Serbien-Montenegro im Süden, der Ukraine im Norden und Ungarn im Westen, im Osten vom Schwarzen Meer umspült, kuschelt sich das Land um den Karpatenbogen herum und in sein Inneres hinein. Ein schönes Land, das sonst in der Welt v.a. durch Berichte über...
den Terror des 1989 gestürzten Diktators Nicolae Ceauşescu aufgefallen ist, über verhungernde Waisenkinder, Korruption und wirtschaftliche Misere. Dies ist die leider wahre eine Seite der Medaille, doch die andere gibt es auch: die herzlichen, offenen Menschen, die großteils unberührte Natur in der lieblichen Bergwelt - wenn auch mitunter durch Industriewracks und Plattenbauten verschandelt -, die geheimnisvollen Höhlen in den Karpaten, die mittelalterlichen Baudenkmäler in Siebenbürgen und in der Moldau, die fabelhafte, einzigartige Flora und Fauna des Donaudeltas, die authentische Folklore in den Dörfern und die Strände am Schwarzen Meer. Von den insgesamt 245 km Schwarzmeerküste werden v.a. die 40 km zwischen Constanţa und Vama Veche touristisch genutzt. Der Abschnitt wirkt wie eine einzige Freiluftparty: ein Hotelkasten neben dem anderen, eine Kneipe neben der anderen.
Für Rucksacktouristen ist Rumänien eine reizvolle Herausforderung. Sie kommen bei Touren durch die atemberaubende Landschaft in den Apuseni, der Maramureş, Siebenbürgens und der Bukowina auf ihre Kosten. Wer Neugier, etwas Abenteuerlust und Kommunikationsfreude mitbringt, vermag im Karpatenland eine Menge zu entdecken, wenn er es auf eigene Faust erkundet. Vor allem in den Dörfern und Tälern tut sich eine Vielfalt an Sitten und Bräuchen auf, beeinflusst von Orient, Okzident und der heidnischen Vorgeschichte.
Der Zustand der Landstraßen hat sich deutlich gebessert - was aber nicht heißt, dass nirgendwo mehr ein Schlagloch anzutreffen wäre. Nicht nur deshalb sollten sich Autofahrer auf den verführerisch ebenen Straßen nicht zum Rasen verleiten lassen. Die Gebirgsserpentinen und Fernstraßen werden auch von Fußgängern und unbeleuchteten Pferdewagen benutzt. Der Zugverkehr hat sich nicht entscheidend verbessert. Zuverlässige, relativ schnelle Verbindungen gibt es nur zwischen den größeren Städten. Der Nahverkehr ist eine Katastrophe. Kurze Wege dauern aus unerfindlichen Gründen Ewigkeiten,...
weshalb die meisten Pendler einfach per Anhalter fahren.
Langsam und leise sind vor allem in Siebenbürgen und in der Bukowina blitzsaubere private Pensionen entstanden, ein Netz von Privatquartieren bei Bauern hat sich entwickelt. Auf die Tristesse realsozialistischer Hotels ist keiner mehr angewiesen.
Was Fremde in Rumänien immer wieder verblüfft, ist das scheinbar unglaubliche Nebeneinander von Dingen und Zuständen, die nicht zusammenpassen. Auf dem Land stehen bittere Armut, Aberglaube und Analphabetismus neben dem Neureichtum der jüngeren Generation, die es dank Gastarbeit im Westen zu Einfamilienhaus und Auto gebracht hat. In Bukarest swingt die aufstrebende Jugend zwischen Handy und Internet, daneben stehen Horden von Bettlern. Kinder leben auf der Straße, kommunizieren aber per E-Mail. Es gibt Bewohner in Plattenbauvierteln, die auf offener Straße Hühner, Lämmer und Schweine schlachten.
Nach 1989 war Rumänien wirtschaftliches Schlusslicht in Europa. Doch seit 2000 hat ein kräftiger Aufschwung mit traumhaften Wirtschaftsdaten eingesetzt. Fast alle staatlichen Industrieungetüme wurden privatisiert, viele ausländische Investoren ließen sich nieder. Junge Leute streben v.a. in die Computerbranche. Rumänien gehört mittlerweile zu den sechs Ländern weltweit mit den meisten IT-Spezialisten pro Kopf. Doch bei weiten Teilen der Bevölkerung ist der Aufschwung noch nicht angekommen. Vor allem Alte leiden unter den hohen Strom- und Heizkosten, die im Winter ihre Rente oft übersteigen.
Der EU-Beitritt hat den historischen Traum eines Volkes erfüllt, das stets zwischen den Imperien und Machtblöcken in einer Grauzone lag und eine Ausnahmestellung hatte. Umgeben von slawischen Völkern, ist Rumänien eine romanische Sprachinsel, entstanden durch die Verschmelzung des Urvolks der Daker mit den Römern, die das Land unter Kaiser Trajan 106 n. Chr. besetzten. Jahrhundertelang waren die rumänischen Fürstentümer Spielball der wechselnden Kräfteverhältnisse zwischen...
Österreich-Ungarn, Russland und der Türkei. Unter Ceauşescu geriet Rumänien erneut in eine Sondersituation, weil der Diktator nach Unabhängigkeit von Moskau strebte und das Land in die außenpolitische Isolation trieb. Nach seinem Sturz im Zuge des blutigen Volksaufstands im Dezember 1989 kamen nur mäßig gewendete Kommunisten unter Präsident Ion Iliescu an die Macht. Seither gab es schon drei demokratische Machtwechsel.
Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass Rumänien wegen der unzureichenden Infrastruktur noch nicht vom Massentourismus überrollt wurde. So können Reisende das normale Leben im Karpatenland in unverfälschter Form kennenlernen: beim Schlendern durch die verträumten mittelalterlichen Städte in Siebenbürgen, bei Touren zu den wunderschönen Moldauklöstern und im Naturparadies Donaudelta.
2000 v. Chr.-7. Jh. n. Chr.
Daker und Geten; erste griechische Siedlungen; 106 römische Provinz; Goten, Hunnen, Slawen, Ungarn, Tataren durchziehen und unterwerfen teilweise das Land
7.-10. Jh.
Erste Fürstentümer in der Moldau und der Walachei
1150
Ungarns König Geza II. holt deutsche Siedler sowie den Deutschen Ritterorden ins Land
15.-16. Jh.
Türkische Herrschaft über Moldau, Walachei und Transsilvanien
1593-1601
Michael der Tapfere erobert Siebenbürgen und Moldau; er einigt die drei Fürstentümer für ein Jahr
1688
Siebenbürgen kommt zu Ungarn
1859
Fürst Alexandru Ioan Cuza vereinigt Moldau und Walachei
1877-1881
Karl von Hohenzollern-Sigmaringen wird König Carol I.
1918
Siebenbürgen kommt zu Rumänien
1940
Militärdiktatur von Marschall Ion Antonescu; Pakt mit Hitler-Deutschland
1944
Antonescu wird von König Mihai gestürzt; Rumänien tritt in den Krieg gegen Deutschland ein
1947
Kommunisten übernehmen die Macht; der König geht ins Exil
1965
Der spätere Diktator Nicolae Ceauşescu wird Generalsekretär und Staatschef
1989
Dezemberrevolution. Ceauşescu und seine Frau Elena werden zum Tode verurteilt und sofort erschossen, die Macht ergreifen Reformkommunisten unter Ion Iliescu
2007
Rumänien tritt der EU bei
Wo Venedig und Orient aufeinandertreffen
Der vom kunstsinnigen Walachenfürsten Constantin Brâncoveanu geförderte Stil ist eine Synthese aus venezianischen und orientalischen Einflüssen, die Kirchen, Wohnhäuser und Paläste an der Wende zum 18. Jh. prägte und „rumänische Renaissance" genannt wurde. Brâncoveanu unterhielt Geschäftsbeziehungen nach Venedig und Konstantinopel und brachte Baumeister aus beiden Städten mit. Von den Italienern lernten die Rumänen, größere, offenere Räume zu bauen und den Stein bildhauerisch zu bearbeiten. Charakteristisch sind die reichen feingliedrigen abstrakten oder floralen Ornamente an Fenster- und Türrahmen, die zwar von der Form her orientalisch sind, aber in westlicher Technik als Reliefs in Stein gehauen sind und nicht aufgemalt wurden. Markenzeichen ist der „Bogen mit Akkolade" an den Säulenarkaden, der aus einem Spiel mit der gotischen Spitzbogenform entstanden ist.
www.karpatenwilli.de
Kein echter Blog, aber eine Website, auf der regelmäßig frische Reiseberichte aus dem Karpatenland erscheinen. Hier schreiben vorwiegend Rucksacktouristen über ihre Eindrücke und warten mit einer Fülle praktischer Tipps auf. Sie erwähnen dabei oft abgelegene, faszinierende Orte, die vermutlich nicht einmal Rumänen kennen. Administrator ist Wilhelm Scherz, der noch als DDR-Bürger begonnen hatte, Rumänien zu bereisen - größtenteils zu Fuß.
http://rennkuckuck.de
Rumänien-Portal, das außer einem Link zu diversen Erlebnisberichten aus Rumänien auch breit gefächerte, thematisch geordnete, regelmäßig aufgefrischte Informationen über Land und Leute bietet.
www.technorati.com
Wer ein bisschen Sucherei nicht scheut, wird hier unter dem Stichwort „Romania" fündig, das Ganze allerdings auf rumänisch oder englisch.
www.youtube.com
Unter dem Stichwort „Romania" finden sich etliche Kurzvideos oder Foto-Slideshows von Rumänienurlaubern aus aller Welt. Zu den wichtigsten Attraktionen wie etwa Maramureş, Sibiu, Retezat oder Sighişoara kann man dort ebenfalls Material abrufen.
Mit etwas Glück Meister Petz begegnen
In Rumäniens Bergen leben etwa 5000 Braunbären und damit europaweit die meisten. Von Natur aus menschenscheu, sind sie im Normalfall nur mit viel Glück zu beobachten. Dennoch kam es in letzter Zeit immer wieder zu Bärenangriffen, auch mit tödlichem Ausgang für Menschen, hauptsächlich in der touristisch überlaufenen Region Bra-şov. Dort sind die Bären zwar an Menschen gewöhnt, aber keineswegs zahm. Deshalb ist unbedingt davon abzuraten, in dieser Region im Gebirge wild zu zelten. Anders verhalten sich die Bären in menschenleeren Regionen wie dem Retezat-Gebirge. Dort fliehen sie, wenn sie einen Menschen auch nur wittern. Die Chancen, dort Bären mit eigenen Augen zu sehen, sind im Frühling am größten, wenn sie die gut bestückten Futterstellen der Förster besuchen. Geführte Touren z.B. Green Mountain Holidays | Str. Principalǎ 305 | Izvorul Crişului an der Strecke Oradea-Cluj | Tel. 0264/418691 | Tel. 0744/637227 | www.greenmountainholidays.ro
Ein rumänischer Fürst als Vorbild für den Vampir
Die Vampirfigur Dracula wurde 1922 in Westeuropa populär, als Fritz Murnau ihre Geschichte in dem Stummfilm „Nosferatu" auf die Leinwand brachte. Vorlage war der Schauerroman „Dracula" des Briten Bram Stoker, der...
in Transsilvanien spielt. So kam die Vermutung auf, dass der rumänische Fürst Vlad Ţepeş (1431-1476) Stokers Vorbild für den Vampir gewesen sei. Vlad Ţepeş' Vater führte als Träger des mittelalterlichen Drachenordens den Beinamen „Dracul". Sohn Vlad hieß „der Pfähler" (Ţepeş), weil er Gefangene bei lebendigem Leib auf einen Pfahl spießen ließ. Auch wenn das Pfählen damals europaweit üblich war, sorgte Vlad Ţepeş‘ Grausamkeit außerhalb des Landes für Aufsehen. Gen Westen reisende siebenbürgische Kaufleute verbreiteten Schauergeschichten über ihn, wobei sie vermutlich übertrieben. Vielen Rumänen hingegen gilt Ţepeş eher als strenger, aber gerechter Herrscher, der ohne Gnade gegen Kriminelle vorging.
Nicht sieben, sondern über 200 waren es einst
Kirchenburgen sind das Markenzeichen und der Namensgeber Siebenbürgens. In nahezu jedem der insgesamt 241 Sachsendörfer gab es eine, an die 150 sind noch erhalten, wenn auch die meisten in baufälligem Zustand. Sie wurden zum Schutz gegen immer wieder angreifende Türken und Tataren gebaut. Um die Kirchen herum wurden Befestigungsanlagen mit zahlreichen Innenräumen errichtet. Die boten sämtlichen Dorfbewohnern Platz und waren mit allem ausgerüstet, was man während einer Belagerung brauchte: Schlafkammern, Korn- und Speckkammern, Wasserzufuhr, unterirdische Gänge, Schießscharten und Gefängniszellen.
Rumänien
Der Journalist Keno Verseck fasst in seinem kenntnisreichen und präzisen Überblick Geschichte, Kultur und Politik zusammen.
Geschichten aus Maghrebinien
Der Klassiker Gregor von Rezzoris ist eine Sammlung witziger, satirischer Geschichten aus einem Phantasieland, in dem Rumänienkenner deutliche Parallelen zum Karpatenland sehen.
Der erste Hermannstädter war ein Räuber
Feines, bibliophil gestaltetes Buch, das eine satirische Phantasieversion der Entstehungsgeschichte Hermannstadts erzählt. Die Autorin Johanna Letz stammt aus Sibiu.
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
Im Zentrum des 2007 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Films von Cristian Mungiu steht eine illegale Abtreibung während des Kommunismus in Rumänien, als Schwangerschaftsabbrüche und Verhütungsmittel streng verboten waren. Der Film beeindruckt durch seinen Realismus, der nicht belehrt, sondern einfach nur unter die Haut geht, der die Eiseskälte und den Zynismus der Diktatur spüren lässt.
Tod des Herrn Lazarescu
Der international preisgekrönte Film von Cristi Puiu zeichnet das Sterben eines älteren Mannes nach, der dem desolaten rumänischen Gesundheitswesen zum Opfer fällt (2005).
Gratian
Thomas Ciulei porträtiert in seiner Dokumentation einen alten Mann in einem Dorf der Apuseni, den die Bauern für einen Werwolf halten. Der Alte lebt davon, dass die Legende besagt, der Werwolf verschone die Schafe, wenn man ihn regelmäßig füttert. Er hat seine eigenen Ideen zu Gott und Kosmos.
Kleine Häuser für den lieben Gott
Orthodox bedeutet wörtlich „rechtgläubig". Die orthodoxen Christen haben ein emotional-sinnliches Verhältnis zu ihrem Gott. Sie suchen körperlichen Kontakt zu allem, was heilig ist. Die Kirchen sind eher klein, sodass man die Heiligenbilder an den Wänden berühren kann. Orthodoxe Kirchen sind in vier Bereiche gegliedert. Unter der Veranda vor dem Eingangsportal oder abseits im Hof stehen offene Kerzenhäuschen - je eines für die Toten und für die Lebenden. Der erste Kirchenraum ist der Pronaos mit den Gräbern der Kirchenstifter, Fürsten und Geistlichen, außerdem sind dort Verkaufsstellen für Kerzen sowie Tische für Speisen, die gesegnet werden sollen. Im nächsten Raum, dem Naos, finden die geistlichen Handlungen statt. Hier stehen auch die wichtigsten Ikonen. Letzter Raum ist der Altar hinter der Ikonostase, den Frauen nicht betreten dürfen.
Vor 300 Jahren flohen Russen ins Delta
Sie leben in Jurilovca, Sfântu Gheorghe oder Periprava, nennen sich lipoveni und sprechen russisch. Die Männer tragen sehr lange, sorgfältig gekämmte Bärte in der Tradition ihrer Vorfahren. Die flohen vor 300 Jahren vor dem russischen Zaren Peter dem Großen ins Donaudelta. Der Zar verfolgte sie, weil sie sich gegen seine prowestlichen, antikirchlichen Reformen stellten und an ihrem alt-orthodoxen Glauben festhalten wollten. Die etwa 30000 Nachfahren der Flüchtlinge im Delta tun das bis heute in ihren knallbunt bemalten Holzkirchen. Lipoveni leitet sich ab von dem russischen Wort für Wald lipa. Dort nämlich versteckten sich die Verfolgten vor dem Zaren Peter, bis sie schließlich ins Delta flohen. Die meisten von ihnen waren Fischer am Don und fühlten sich an der Schwarzmeerküste gleich heimisch.
Tod des Herrn Lazarescu
Der international preisgekrönte Film von Cristi Puiu zeichnet das Sterben eines älteren Mannes nach, der dem desolaten rumänischen Gesundheitswesen zum Opfer fällt (2005).
Gratian
Thomas Ciulei porträtiert in seiner Dokumentation einen alten Mann in einem Dorf der Apuseni, den die Bauern für einen Werwolf halten. Der Alte lebt davon, dass die Legende besagt, der Werwolf verschone die Schafe, wenn man ihn regelmäßig füttert. Er hat seine eigenen Ideen zu Gott und Kosmos.
Kleine Häuser für den lieben Gott
Orthodox bedeutet wörtlich „rechtgläubig". Die orthodoxen Christen haben ein emotional-sinnliches Verhältnis zu ihrem Gott. Sie suchen körperlichen Kontakt zu allem, was heilig ist. Die Kirchen sind eher klein, sodass man die Heiligenbilder an den Wänden berühren kann. Orthodoxe Kirchen sind in vier Bereiche gegliedert. Unter der Veranda vor dem Eingangsportal oder abseits im Hof stehen offene Kerzenhäuschen - je eines für die Toten und für die Lebenden. Der erste Kirchenraum ist der Pronaos mit den Gräbern der Kirchenstifter, Fürsten und Geistlichen, außerdem sind dort Verkaufsstellen für Kerzen sowie Tische für Speisen, die gesegnet werden sollen. Im nächsten Raum, dem Naos, finden die geistlichen Handlungen statt. Hier stehen auch die wichtigsten Ikonen. Letzter Raum ist der Altar hinter der Ikonostase, den Frauen nicht betreten dürfen.
Vor 300 Jahren flohen Russen ins Delta
Sie leben in Jurilovca, Sfântu Gheorghe oder Periprava, nennen sich lipoveni und sprechen russisch. Die Männer tragen sehr lange, sorgfältig gekämmte Bärte in der Tradition ihrer Vorfahren. Die flohen vor 300 Jahren vor dem russischen Zaren Peter dem Großen ins Donaudelta. Der Zar verfolgte sie, weil sie sich gegen seine prowestlichen, antikirchlichen Reformen stellten und an ihrem alt-orthodoxen Glauben festhalten wollten. Die etwa 30000 Nachfahren der Flüchtlinge im Delta tun das bis heute in ihren knallbunt bemalten Holzkirchen. Lipoveni leitet sich ab von dem russischen Wort für Wald lipa. Dort nämlich versteckten sich die Verfolgten vor dem Zaren Peter, bis sie schließlich ins Delta flohen. Die meisten von ihnen waren Fischer am Don und fühlten sich an der Schwarzmeerküste gleich heimisch.
© Verlag Marco Polo