Vatikan – der kleinste irdische Staat
Von der Adria bis zur Riviera reichte über Jahrhunderte der Kirchenstaat. Wie ein Keil schob er sich zwischen Süd- und Norditalien. Legitimiert wurde die weltliche Herrschaft der Päpste über diesen Flächenstaat durch die Konstantinische Schenkung und darauf basierend die Pippinische Schenkung. Auch als im 15. Jh. festgestellt wurde, dass es sich bei der Konstantinischen Schenkung um eine Fälschung handelt, konnte dies dem päpstlichen Herrschaftsanspruch keinen Abbruch tun. Erst die Einigung Italiens 1870 machte aus dem Papst wieder »nur« den spirituellen Anführer der Katholiken.
Mit einer Fläche von etwa 44 Hektar und einigen exterritorialen Gebieten, wie u.a. den Patriachalbasiliken
S. Maria Maggiore, S. Paolo fuori le Mura oder S. Giovanni in Laterano, präsentiert sich der Kirchenstaat heute als der kleinste Staat der Welt. In der Vatikanstadt (Città del Vaticano) gibt es gut 400 Einwohner und dazu täglich mehrere Tausend Pendler, die morgens aus Italien in den Vatikan zum Arbeiten einreisen und abends wieder nach Italien zurückkehren. Als souveräner Staat verfügt der Vatikan über einen eigenen Radio- und Fernsehsender (»Radio Vaticana«), eine eigene Zeitung (»Osservatore Romano«), eine eigene Post, eine Nationalfahne (Weiß-Gelb mit der Tiara und den Schlüsseln Petri), eine eigene Währung (Vatikan-Euro) und sogar über ein eigenes Autokennzeichen (SCV – Stato della Città del Vaticano).
Die schönste Annäherung an den Vatikan führt über die Via della Conciliazione , die Straße der Versöhnung. Mussolini ließ sie nach der Unterzeichnung der Lateranverträge (1929) als Sinnbild des Ausgleichs zwischen Staat und Kirche anlegen. Die Nebenstraßen auf der rechten Seite geben immer wieder den Blick frei auf einen Fluchtgang, der zwischen Vatikan und Engelsburg angelegt worden war, nachdem das ursprüngliche Hadriansmausoleum als Fluchtburg der Päpste umgestaltet wurde. Papst Clemens VII. musste über diesen Weg sein Heil in der Engelsburg suchen, als die Landsknechte von Karl V. 1527/28 während des »Sacco di Roma« die Stadt in Schutt und Asche legten.
Der Übergang von der Via della Conciliazione zum Petersplatz 4/5 bildet gleichzeitig auch die Grenze zwischen Italien und dem Kirchenstaat. Im Zentrum des Platzes erhebt sich der ägyptische Obelisk, der im Römischen Reich auf der Mittelachse des Circus des Nero gestanden hatte und im Auftrag von Papst Sixtus V. 1586 hier aufgestellt wurde. Die Platzgestaltung selbst geht auf Bernini in der zweiten Hälfte des 17. Jh. zurück. Die Peterskirche war damals bereits fertig gebaut, der Obelisk stand auch schon und die päpstlichen Paläste auf der Westseite des Platzes waren ebenfalls bereits vorhanden, als Bernini den Auftrag zur Platzgestaltung von Papst Alexander VII. bekam. Um örtlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, schuf Bernini zwei unterschiedliche Plätze. Einen trapezförmigen direkt vor der Kirchenfassade und einen ovalen mit dem Obelisken im Zentrum. Gefasst wird der Petersplatz von den Kolonnaden mit den Heiligenfiguren. Im Boden eingelassen, markieren zwei kreisrunde Scheiben zwischen Obelisk und Brunnen die Stelle, an der nur noch die vorderste Säule der Kolonnaden sichtbar ist.
Auf dem Petersplatz versammeln sich die Gläubigen an Weihnachten und Ostern, um vom Papst den »Urbi et Orbi«, den Segen für Rom und den gesamten Erdkreis, zu empfangen. Bei der Wahl eines neuen Papstes warten die Menschen auf dem Petersplatz darauf, dass über der Sixtinischen Kapelle weißer Rauch aufsteigt, um eine erfolgreiche Wahl anzuzeigen. Auf dem Petersplatz werden Selig- und Heiligsprechungen zelebriert, und jeden Sonntag um 12 Uhr warten die Besucher auf das Erscheinen des Papstes an einem Fenster seiner Privatgemächer zum Angelus-Gebet.
Achten Sie darauf, wie schnell die Kuppel von St. Peter durch die Vorhalle verdeckt wird, wenn Sie sich der Kirche nähern. Als der Architekt Maderno im frühen 17. Jh. eine Vorhalle vor St. Peter bauen musste, warnte er immer wieder, dass er damit den Blick auf die Kuppel, das eigentliche Wahrzeichen von St. Peter, verstellen würde, wie es dann auch geschah. Seit dem 11. September 2001 müssen alle Besucher von St. Peter vor dem Besuch der Kirche eine Sicherheitsschleuse passieren, die sich am südlichen Ende der rechten Kolonnaden befindet. Fünf Portale führen von der Vorhalle hinein in die Peterskirche.
Das ganz rechte Portal allerdings wird man fast immer geschlossen antreffen. Es handelt sich dabei um die Heilige Pforte der Peterskirche. Wie auch bei S. Maria Maggiore, S. Paolo fuori le Mura und S. Giovanni in Laterano, den anderen Hauptkirchen Roms, wird die Heilige Pforte nur im Heiligen Jahr geöffnet. Das letzte Heilige Jahr war im Jahr 2000, das nächste wird dann 2025 gefeiert. Derjenige, der dann Papst sein wird, öffnet an Weihnachten des Jahres 2024 die Heilige Pforte von St. Peter und für ein Jahr werden an allen vier Hauptkirchen die Heiligen Pforten geöffnet sein.
Der Innenraum von St.Peter überwältigt mit seinen unglaublichen Dimensionen. Ohne Bestuhlung, wie es die Regel ist, würden in der Kirche ca. 60000 Menschen Platz finden. St. Peter war die größte Kirche der Christenheit, bis in den 1990er Jahren an der Elfenbeinküste eine noch größere gebaut wurde. Beim 1506 begonnenen Neubau von St. Peter wurden Architekturteile der konstantinischen Basilika wieder verwendet. Im Mittelschiff nahe dem Portal liegt eine kreisrunde Porphyrscheibe, die in Alt-St. Peter direkt beim Altar lag und auf der Weihnachten des Jahres 800 Karl der Große von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt worden war. Bei der Ausgestaltung des Kirchenneubaus fand fast ausschließlich haltbares Material Verwendung. Viele Darstellungen, die auf den ersten Blick wie ein Gemälde erscheinen, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Mosaik.
Am Ende des rechten Seitenschiffs befindet sich die viel besuchte letzte Ruhestätte von Papst Johannes XXIII. Der Roncalli-Papst aus Bergamo war eigentlich 1958 als gutmütiger Übergangspapst gewählt worden, der dann aber überraschenderweise als Kirchenreformator von sich reden machte. Im von ihm einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzil wurde zum Beispiel entschieden, dass fortan die Landessprache und nicht das Lateinische die Sprache der Messen sein sollte.
Nach einem ausführlichen Besuch der Kirche lohnt sich auf alle Fälle der Aufstieg zur Kuppel. Auf der Höhe des Tambours der Kuppel genießt man von einer Galerie in der Kuppel einen großartigen Blick von oben auf den Baldachin über dem Hauptaltar. Bis zur Laterne steigt man in der Wandung der Kuppel nach oben. Von dort reicht der Blick weit über das gesamte Stadtareal hinaus, an klaren Tagen bis zu den Gebirgszügen des Apennins.
St. Peter besitzt auch eine Unterkirche. Beim Neubau von St. Peter im 16. Jh. hat man das Kirchenniveau im Vergleich zum konstantinischen Vorgängerbau um einige Meter angehoben, dadurch entstanden unter St. Peter die heiligen vatikanischen Grotten (sacre grotte vaticane). In den Grotten stehen die Sarkophage von Bonifaz VIII., der im Jahr 1300 das erste Heilige Jahr ausrief, Johannes Paul I., der sein Amt nur 33 Tage bekleidete, oder auch Johannes Paul II., der die katholische Kirche ins dritte Jahrtausend führte und sich größter Beliebtheit erfreute.
Unverzichtbar für alle Besucher des Vatikans ist natürlich der Gang durch die Vatikanischen Museen 3/4. Kunst in Malerei und Skulptur aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten vor und nach Christus machen einen Aufenthalt in den Museen unvergesslich. Unvergesslich wird er wahrscheinlich auch deswegen, weil die Schlangen am Eingang meist sehr lang sind und man auch vor den Exponaten nicht unbedingt die erwünschte Muße findet. Ein Besuch in der Sixtinischen Kapelle mit den meisterhaften Fresken von Michelangelo entschädigt für vieles.
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